In einer dunklen Seitengasse, die selbst das Licht zu meiden schien, lag ein alter Mann am Boden. Sein lädierter Ledermantel war offen und konnte ihn so nicht vom leichten Regen schützen, der der städtischen Geräuschkulisse einen beruhigenden Unterton verlieh. Er haderte mit sich, aufzustehen und ein weiteres Mal sein elendes Dasein zu fristen. Und doch hatte er noch ein letztes Bedürfnis. Er wusste, er musste es erfüllen, bevor er sein Leid loswerden konnte und so raffte er sich hoch. Das Aufstehen war mittlerweile ein langer und kräfteraubender Prozess geworden. Manche Bewegungen ließ sein Körper aufgrund vergangener Verletzungen oder Schmerzen nicht mehr zu, die Muskeln waren träge und schwach, die Sinne getrübt und der nasse und ölige Dreck in der Gasse machte es auch nicht leichter. Und als er dann endlich schwankend stand, machte er sich auf den Weg, um seine Geschichte zu erzählen.
Draußen war es leicht kühl, der Wind wehte durch die engen Gassen in einem Vorort von Eurom. Einem Vorort, dessen Charme aus dem einzigartigen Flair gescheiterter Träume besteht. Und in einer kleinen, nicht sonderlich beliebten Bar arbeitete eine junge Frau, die so ganz und gar nicht in das Bild dieser heruntergekommenen Gegend passte. Eine Frau, die liebevoll Getränke servierte und lächelte, während sie von ihrer Kundschaft derb angesprochen wurde. Eine Frau, die sich noch nicht aufgegeben hatte. Nein, eine, die erst im Begriff war, richtig anzufangen.
Die Eingangstür öffnete sich und eine bittersüße Brise der vergleichsweise frischen Nachtluft gepaart mit dem Gestank im Leben gestrandeter Menschen traf die junge Frau. Sie drehte sich Richtung Tür um und begrüßte die neue Kundschaft freundlich. Diese, ein alter Mann mit fettigen, durchnässten Haaren und einem alten Ledermantel, wirkte sichtlich erstaunt über die Herzlichkeit der Begrüßung und setzte sich direkt an die Bar.
Die Barkeeperin lächelte und fragte ihn nach seinem Wunsch. Der Mann hielt daraufhin inne und antwortete, er würde gerne eine Geschichte erzählen. Verwundert über die Auffassung eines Wunsches an der Bar und erleichtert, dass es kein unangemessener Anmachspruch gewesen war, machte sie ihm den Drink, der ihr bei seinem Anblick in den Sinn gekommen war: Einen Old Fashioned. Der alte Herr bedankte sich mit einem freundlichen Nicken und die hübsche Barkeeperin blieb vor ihm stehen, lehnte sich nach vor und stützte sich mit den Ellenbogen am Tresen ab. Sie sah ihn an und wartete. Der Alte freute sich über die Aufmerksamkeit und die Gleichgültigkeit schwand aus seinen Augen, als er zu erzählen begann:
“Meine Teuerste, was ich Euch nun erzähle, weiß niemand sonst, doch es ist auch kein Geheimnis. Mein halbes Leben lang dachte ich, es würde mich nicht kümmern, doch nun bedrückt es mich.” Er hielt kurz inne und nahm einen Schluck seines Getränks.
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Berührt von der so ehrlichen Lebensgeschichte dieses fremden, heruntergekommenen Mannes, wollte ihm die Barkeeperin in ihrer Sprache sagen, was sie nun fühlte. Und so schüttelte sie alten, weißen Rum mit Limettensaft und Lycheesaft, füllte die Mixtur in ein mit Eiswürfeln gefülltes Longdrinkglas und goss es mit etwas Tonic Water auf. Dann spießte sie eine eingelegte Lychee auf den Strohhalm auf und schob das Getränk dem Mann zu. Dessen Augen weiteten sich als sie lächelte und sagte: “Bitte sehr, der Herr. Ein Freppelin.”